MR

Ins Netz gegangen

Regensburger Weltmarktführer kommt als Start-up in den Ural

Die Maschinenfabrik Reinhausen ist nicht einfach zu finden. Keine große Aufschrift, kein buntes Firmenschild und selbst der Wachmann im Industriegebiet am Rand von Jekaterinburg kann mit dem Wort „Maschinenfabrik“ nichts anfangen. Erst bei „Reinhausen“ fällt es ihm ein. „Das ist Jakob, der Deutsche, der Russisch spricht wie ein Russe.“

Die Maschinenfabrik Reinhausen oder MR, wie sie in Russland heißt, ist neu in Jekaterinburg. Im Sommer 2016 hat sie dort ihr erstes eigenes Werk eröffnet, wobei „Werk“ fast übertrieben klingt.

Klein anfangen und wachsen lautet die Strategie.

Damit ist die Maschinenfabrik Reinhausen einer der vielen deutschen Mittelständler, die kürzlich in Russland eine Produktion eröffneten, um im Land Präsenz zu zeigen. Dabei lassen sie sich von der Eiszeit zwischen Russland und dem Westen nicht abschrecken.

Umsetzen soll die Strategie bei MR der Deutsche Jakob Pinneker. Es sei ein bisschen später geworden am Vorabend, sagt der Mittdreißiger, die Stimme noch rau: Netzwerken. Solche Termine mit potenziellen Kunden zählen zu Pinnekers wichtigsten Aufgaben. Entsandt wurde er von der Regensburger Zentrale, wo das Unternehmen sich in seiner 150-jährigen Geschichte auf Stufenschalter spezialisiert hat. Das Nischenprodukt ist in Transformatoren zu finden. 

Wenn in der Halbzeit des WM-Finales plötzlich alle den Kühlschrank öffnen, Licht anmachen, zur Toilette gehen, kommt es in den Energienetzen zu Spannungsschwankungen. Damit das Netz nicht zusammenbricht, braucht es Stufenschalter. 

In dieser Nische ist die Maschinenfabrik Reinhausen führend.

Bis zu fünfzig Prozent des weltweiten Stroms fließen laut Pinneker durch die Stufenschalter der Maschinenfabrik Reinhausen. In Russland verkaufen die Regensburger ihre Produkte seit mehr als zehn Jahren über ein Büro in Moskau, statten Transformatoren aus, die Millionen von Haushalten mit Strom versorgen.

In Jekaterinburg steht zwischen Büros und Werkbänken eine Tischtennisplatte. Es sieht ein bisschen nach Start-up aus. Die Räume sind gemietet, die Arbeitsplätze noch lange nicht alle besetzt.

Seine sechs Mitarbeiter seien „multifunktional einsetzbar“, sagt der Chef, sie planen Projekte, bauen Stufenschalter zusammen und montieren sie bei den Kunden. Um den Teamgeist zu stärken, waren sie auch schon mit Boot und Zelt im Uralgebirge unterwegs.

Pinneker nimmt ab und zu selbst den Besen in die Hand, und wenn er Stress abbauen muss, setzt er sich auf den Gabelstapler und sortiert Holzkisten. Die fertigen Stufenschalter auf die eine Seite, die Einzelteile aus Bayern auf die andere.

„Von Null“ hat Pinneker hier angefangen, mit geplanten Investitionen in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Erwirtschaftet wurden sie in den vergangenen zehn Jahren von der russischen Reinhausen-Tochter, an deren Spitze nun Pinneker steht.

Wer im Land produziert, werde als Partner ganz anders wahrgenommen, meint Pinneker.

Mittelfristig ist das Ziel nicht nur Komponenten aus Regensburg zusammenzuschrauben, sondern auch einheimische Zulieferer zu finden. Das ist ein klassisches Problem deutscher und ausländischer Investoren, wie die jährlichen Umfragen der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer zeigen.

Die Maschinenfabrik Reinhausen hat sich für Jekaterinburg entschieden, weil die Region das „Ruhrgebiet Russlands“ sei, wie Pinneker sagt, mit vielen Industriebetrieben. Neben den größtenteils staatlichen Stromnetzbetreibern sind sie die zweite Kundengruppe des Unternehmens.

Besondere Transformatoren kommen zum Beispiel bei der Stahlproduktion zum Einsatz, wo sie die großen Schmelzöfen mit Strom versorgen.

Ein weiteres Geschäftsfeld sind alte Transformatoren. Dafür hat Pinneker Einsatzfahrzeuge angeschafft. Mit denen kann sein Team die „Patienten“, wie sie sagen, untersuchen, eine Diagnose erstellen und nach einem individuellen Konzept modernisieren.

In den ersten eineinhalb Jahren konnte Pinneker diese Projekte noch an einer Hand abzählen. Aber weil es in Russland viele alte Transformatoren gibt, sieht er hier großes Potenzial, Arbeit für bis zu dreißig Mitarbeiter, so plant er.

Modernisieren können sie aber nur, solange die Temperaturen nicht unter null sinken. Im Winter muss Pinneker sie mit dem Bau von Stufenschaltern beschäftigen.

Die Kälte macht ihm auch privat zu schaffen. Bei minus 37 Grad fährt er mit dem Auto direkt in die Werkstatt und steigt in der beheizten Halle aus. Sonst aber hat sich seine Familie schnell integriert.

„Das macht schon sehr viel Spaß hier“, sagt er, „als Deutscher wird man herzlich aufgenommen“.

Zumal, wenn man die Sprache so perfekt beherrscht. Er sei ein „typischer Russlanddeutscher“, klärt Pinneker auf, ist 1989 als Kind aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Dass es ihn nun „zurück zu den Wurzeln“ zog, schockierte vor allem seine Großmutter, die im Ural unter Stalin im Arbeitslager schuftete und froh war, dort wegzuziehen. Wenn er sie nun besucht und von seiner Arbeit in Russland erzählt, sagt er ihr: „Oma, die Zeiten haben sich geändert.“

Fotos: Evgeny Kondakov

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